Ich habe mir das Paradies immer als eine Art Bibliothek vorgestellt.
Jorge Luis Borges
Ein etwas anderes Eldorado als den Borgeschen Garten Eden findet der interessierte Betrachter im Fotoarchiv von „Life“. In Zusammenarbeit mit Google stellt das Magazin seine riesige Bildsammlung kostenlos online zur Verfügung. Nicht nur an verregneten Novembernachmittagen kann man sich darin erstaunlich gut amüsieren.
Ein paar Bildbeispiele? Zsa Zsa Gabor vor dem Moulin Rouge mit Buster Keaton als Toulouse-Lautrec. Vizepräsident Harry Truman spielt auf einem Klavier, auf dem Lauren Bacall sitzt. Anita Ekberg bedroht Paparazzi mit Pfeil und Bogen.
Und das Foto von Gloria Swanson in den Ruinen des Roxy-Kino hat sogar eine Bildlegende voller cinephiler Poesie: „Actress Gloria Swanson in Jean Louis sheath and $ 170.000 worth of jewels standing amidst ruins, lamenting the loss of Roxy motion picture theatre, 50th Street and 7th Avenue in New York, 1960.”
Archiv für November 2008
LIFE macht sich frei
November 30, 2008Blut, Eis und weiße Pudel
November 29, 2008
I´d say you were within your rights to bite/ The right one and say, “What kept you so long”.
Morrissey. Let the right one slip in.
Der schwedische Vampirfilm “So finster die Nacht“ ist eine gespenstische Mixtur aus Horror, Schönheit und Komik. Oft schafft es der Regisseur Tomas Alfredson alle diese Tonlagen zusammen einzusetzen. Eine Szene zeigt einen märchenhaft verschneiten Birkenwald. Versteckt findet dort ein blutiges Gemetzel statt. Schließlich muss der Täter fliehen, weil ein albern gestylter, weißer Pudel vom Blutgeruch anlockt wird.
Wenn man es plakativ formulieren will: “So finster die Nacht“ ist ein Arthouse-Horrorfilm für Jugendliche, die keine Angst vor Alpträumen haben. Die Hauptdarsteller sind der 12jährige Oskar, ein unglücklicher Einzelgänger, und ein unheimliches Mädchen namens Eli. Die morbide Liebesgeschichte zwischen den beiden Outsidern wirkt wie eine Variante von „Die Schöne und das Biest“. Der Originaltitel des Films (und der literarischen Vorlage) „Let the right one in“ spielt übrigens auf einen Song von Morrissey an. Wahrscheinlich würde er sich in der Vorstadt-Tristesse mit Vampirmädchen wohlfühlen. Eine Wundertüte für Nachtmenschen!
Der deutsche Kinostart ist am 23.12.2008.
Welcome To The Jungle
November 28, 2008
There was no money in homicide. Sure, sometimes you could land a big payoff when somebody wanted you to lose some evidence, but emotions ran high on homicides. You could never tell what was going to happen.
Juno Mozambe ist ein mieser Bulle. Korrupt und mit allen dreckigen Abwassern der Gosse gewaschen. Mehr als zwanzig Jahre war er als Schläger und Vollstrecker auf den Straßen der Dschungelstadt Koba unterwegs. Aber der richtige Höllenritt beginnt, als er mit der Aufklärung des Mordes an einem nicht weniger windigen Armee-Angehörigen beauftragt wird.
KOP ist ein Roman, den James Ellroy und Richard K. Morgan nach einem Opiumpfeifchen zuviel bestimmt gerne zusammen auf einem abgelegenen Planeten geschrieben hätten. Genau das ist auch Lagarto: eine ökonomisch abgewrackte Kolonie im hinteren Weltraum, die vom Wohlwollen der buchstäblich Lichtjahre weiter entwickelten Outworlder abhängig ist. Draußen im Orbit gibt es Geld und Technologie, unten gibt es Urwald, Echsen und menschliche Abgründe.
Warren Hammond hat da was Faszinierendes aus Crime Noir und Science Fiction zusammen gebraut. Hinter dem Mordfall liegt noch ein ganzes Dickicht aus Verbrechen, durch das Juno Mozambo waten muss. Die technisch hochgezüchteten Orbitale und ihre Bewohner spielen dabei auch eine bestimmte Rolle, werden aber nicht für die einfache Story-Verlängerung bis ins Fantastische verheizt. Seine Verbrecher-Geschichte läßt Hammond nicht aus den Augen; durch den sprichwörtlichen Kontrast zwischen oben und unten wird nur der Blickwinkel schärfer …
Fazit: Wer sich von Bud White in den Sog von L.A. Confidential ziehen läßt, stapft auch gerne mit Juno Mozambe durch Koba …
Titel: KOP
Autor: Warren Hammond
Verlag: TOR Books
Jahr: 2008
Sprache: englisch
ISBN: 978-0-7653-5136-4
Ein Dodo und keine Buddel voll Rum
November 23, 2008
„How come you know the story if everyone was killed?“
(…)
„Later, rookie. Maybe we’ll see each other on land.“
Als die Karibik im 18. Jahrhundert zu gesetzestreu unter ihren Planken wurde, segelten die letzten Piraten in den Indischen Ozean aus. In dem Inselgestrüpp rund um Mauritius und vor dem etwas weiter entfernten La Reunion konnte noch ungestört geplündert und mit korrupten Obrigkeiten gekungelt werden. Vor diesem historischen Setting lässt Lewis Trondheim mit Co-Autor Appollo seine bekannten Schnabeltiere in Bourbon 1730 los, begleitet von einem bunten Trupp hunde-, wiesel- und sonstwie nagetier-ähnlicher Gestalten.
Auf der Suche nach einem möglicherweise noch lebenden Dodo gelangt der Naturforscher Despentes mit seinem Gehilfen Raphael Pommery im Jahr 1730 nach Bourbon. Auf dem notdürftig erschlossenen Eiland brodelt es: der berüchtigte Pirat Buzzard ist endlich gefangen worden und soll hingerichtet werden. Entlaufene Sklaven führen aus dem Inselinneren heraus einen Guerillakrieg gegen die Plantagenbesitzer … und dann ist da noch der sagenumwobene Schatz, den Buzzard vor seiner Gefangennahme verbuddelt haben soll …
Trondheims zitternder Strich, versetzt mit raschen Schraffuren, machen die gezeichnete Wildnis zu einem fiebrigen Erlebnis. Mitten darin immer wieder die klaren, naiven Strukturen von Raphaels Entenkopf, in dem die Träume eines freien Piratenlebens herumspuken. Dank des erzählerischen Gespürs von Trondheim / Appollo bleiben Stereotypen und Plattheiten außen vor – da ist mal die konsequente Panel-Folge über die Forschungsexpedition, die sich in den unbegreiflichen Dschungel verstrickt, und da ist mal eine bitterböse Abschweifung über die betrunkenen Freibeuter in Rente. Solche Geschehnisse werden wunderbar in den Kontext der Geschichte verwoben und auf leichte Art und Weise aufgelöst.
An die knapp 280 Seiten sind dicht gepackt Erläuterungen und historische Kuriosa angeflanscht, die für zig weitere Schnurren reichen … Wegweiser auf einer Schatzkarte zu weiterer Unterhaltung.
Titel: Bourbon Island 1730
Autor: Appollo und Lewis Trondheim
Verlag: :01 First Second
Jahr: 2008
Sprache: englisch
ISBN: 978-1-59643-258-1
Für eine Handvoll Klimpergeld
November 20, 2008
There is one law for rich and poor alike, which prevents them equally from stealing bread and sleeping under bridges.
Die Farthings geben 1949 eine Gesellschaft auf ihrem Landsitz. So richtig einander leiden mögen sich die Anwesenden nicht, aber das feingewebte Korsett eingeübter Etikette hält die Animositäten der englischen Upper-Class im Zaum. Nur Sticheln und Andeuten, das dringt noch durch jeden Panzer.
So weit, so steif, so britisch und dann geschieht einMord. In dem Schwiegersohn der Gastgeber ist auch schnell der passende Verdächtige gefunden. David Kahn ist Jude und damit bei seiner angeheirateten Verwandschaft nicht gerade wohl gelitten: haben doch die als „Farthing Set“ bekannt gewordenen Politiker acht Jahre zuvor den Peace Of Honour zwischen Hitler-Deutschland und England ausgehandelt …
Farthing ist ein toller Remix aus Alternate History Novel und britischem Kriminalroman. Sieben Tage nur dauert das Kammerspiel. In diesem Zeitraum entwickelt Jo Walton ein kniffeliges Mordkomplott vor der Blaupause einer düsteren Welt. Aus dem einfachen Trick, die Sichtweise der Ich-Erzählerin Lucy Kahn (geborene Farthing) mit der des ermittelnden Inspektors Carmichael abzuwechseln, entsteht und gedeiht das Geschehen mit all seinen kriminellen, spannenden und historischen Verästelungen.
Richtig zum Glänzen bringt Farthing dann der punktgenaue Spracheinsatz. Die trockenen Ansichten des aus London stammenden Sergeants Royston und die abgewogenen Äußerungen einer Lady Farthing kommen zwar aus derselben Wortsuppe. Aber in der schwimmt auch fein dosiert die über Jahrhunderte gewonnne Würze von Klassendünkel und Vorbehalt.
Ein Farthing war ursprünglich eine billige Münze, ein Viertel-Penny. Heute bedeutet es soviel wie „Tand“. Weil ein Vorfahr dem englischen König mit etlichen Kleingeld aushalf, kamen die Farthings zu ihrem Titel. Aus dem alten Hut mit dem Wortspiel zaubert Walton ganz zum Schluss noch eine böse Münze hervor. Denn gut geht hier nix aus – aber der Weg dahin ist pures Vergnügen.
Titel: Farthing
Autor: Jo Walton
Verlag: TOR Books
Jahr: 2008
Sprache: englisch
ISBN: 978-0-7653-5280-4
Monty Python Online
November 20, 2008No more of those crap quality videos you’ve been posting. We’re giving you the real thing.
Die noch nicht verstorbenen Monty Pythons schlagen zu und machen mal eben einen eigenen Channel auf Youtube auf:
Es gibt – nun ja – bislang einige nette Videos (24), zwei ganze Interviews und vor allen Dingen das sehr, sehr hübsche From The Vault: John Cleese mal richtig genervt – here it goes:
Bitte anschauen, gut finden, wieder anschauen …
Trailer: Coraline
November 20, 2008
Aus Neil Gaimans schwarzhumorigem Kinderbuch „Coraline“ scheint, auch ohne Pixars Hilfe, ein guter Trickfilm geworden zu sein. Der „Nightmare before Christmas“-Regisseur Henry Selick weiß, was er tut: In seiner staksigen Düsterheit erinnert der Trailer schwer an die goldene Zeit der osteuropäischen Märchenfilme.
Seit kurzem steht die Filmpage Coraline.com unter Dampf. Allerdings braucht man das Passwort „Buttoneyes“, um einige der Vignetten anzusehen. Dank drawn.ca sind noch andere Passworte bekannt: stopmotion, moustachio, puppetlove, armpithair, sweaterxxs. Klingt nicht nur für Fans von „Feuchtgebiete“ verführerisch!
Ricky Gervais über Penisgrößen
November 20, 2008Große Künstler inspirieren ihr Publikum durch Weisheit und Einsicht. Ricky Gervais, der Held aus „The Office“ und „Extras“, schafft es auch auf andere Weise. Im „Actor´s Studio“ verkündete Ricky seine Botschaft an alle Menschen: Er hat nicht den kleinsten Penis, den sie je gesehen haben.
Sankt Marty
November 17, 2008
Es wäre das schönste Geschenk für alle Cinephilen, wenn man Martin Marcantonio Luciano Scorsese zu seinem 66. Geburtstag einen Blanko-Scheck für weitere Filmprojekte ausstellen würde. Vielleicht eine Aufgabe für die Katholische Kirche. Zukünftig könnte man dann auch „Taxi Driver“, „Raging Bull“ oder „Goodfellas“ in der Sixtinischen Kapelle zeigen. Zweifellos gibt es für Martin Scorsese starke Verbindungen zwischen Spiritualität und Kino.
Die Nacht der Prombies
November 16, 2008
Das sehenswerte Blog „Portraits as Living Deads“ stellt berühmte Menschen als Zombies dar. Also, in etwa das Prinzip, nach dem auch die Boulevard-Magazine im Fernsehen arbeiten. Diese Promi-Zombies („Prombies“) sehen allerdings viel besser aus!