Archiv für Oktober 2008

Für Pickel ist keine Zeit mehr

Oktober 26, 2008

This ist Limbo. It’s frustrating, irritating, and nothing happens fast enough because nothing is happening. It’s like racing toward an horizon that you can never reach. It’s like trying tot catch a rainbow. It’s like trying to empty the ocean with a spatula.
Limbo is a lot like growing up.

Für die Geschwister Marlo und Milton Fauster geht das Leben buchstäblich den Bach hinunter. Als Opfer einer Marshmallow-Explosion sehen sie am Ende des Tunnels leider kein Licht, sondern „Heck“. Einfach auf deutsch: „Mist“ – und der will nicht enden, denn Heck ist der Limbo, die zeitlose Zwischenwelt für gestorbene Kinder, deren Seelen noch einsortiert werden müssen.

Oha.

Sind nicht gerade Kinderseelen von Grund auf gut und unverdorben? Also eigentlich gar keine Frage, wohin sie nach ihrem Ableben kommen?

Nun, dazu hat die Direktorin Bea „Elsa“ Bubb von Heck die passende Antwort: ganze 16 Seelen haben es „nach oben“ geschafft. Der Rest – nun, die Anforderungen sind eben hart. Wobei gerade bei Milton Fauster – Leisetreter, Angsthase und Klassenbester – wohl doch ein Irrtum passiert sein muss. Aber Irrtümer gibt es bei ehernen Regeln nicht und da die Bösen die Regeln machen, wird ein wenig gelogen und getrickst und der Irrtum einfach hingebogen – denn das sind eben die Regeln.

Das ist auch der Kniff bei Heck – Where The Bad Kids Go. Regeln gehen nicht, wenn man wie Milton und Marlo gerade mal 11 bzw. 13 Jahre alt ist. Da ist man schon im lebendigen Leben in einem Zwischenreich, das den diffusen Übergang von Kind zu Teenager begrenzt. Da weiß man (noch) nicht, welche Regeln akzeptabel sind.

Für die eigene Orientierung hilft da nur mogeln – im Dies- wie auch im Jenseits. Deshalb nehmen die Geschwister mit ihrem neuen Freund Virgil den Kampf mit dem Heck-System und seiner Leiterin auf. Mit kopflosen Fluchtversuchen und tricky Täuschungsmanövern, die auf einer ganz eigenen Logik beruhen. Wie auch anders, wenn die Regeln ganz woanders gemacht werden … insbesondere von anderen Kids, die so ganz und gar nicht unverdorben, rein und gut sind.

Dale E. Bayse packt das nicht nur in eine funktionierende Geschichte, sondern schreibt sie auch noch voll mit Anspielungen und Wortklaubereien, die höllisch Spaß machen. Bis zu dem überraschenden, so ganz und gar Nicht-Jugendbuch passenden Schluß. Es gibt sie eben auch, die Welten abseits von aseptischen Disney-High-School-Musicals oder den pseudo-erwachsenen Eragon-Gefilden. In eine davon hat Bayse jetzt mal die Taschenlampe gehalten, so dass mittelmäßig begabte Echsen-Bands, politisch korrekte Boogeymen (ups … „boogeypersons“) und mieser Schulkantinenfrass grell beleuchtet werden.

Aber Übertreibung schadet nicht, wenn dadurch eine Seele gerettet wird ;-)

Titel: Heck – Where The Bad Kids Go
Autor: Dale E. Basye
Verlag: Random House
Jahr: 2008
Sprache: englisch
ISBN: 978-0-375-84075-3

Erst der Urlaub und dann …

Oktober 25, 2008

„You are sensible,“ the man said.
„I’m scared,“ Ross said.
„That ist sensible.“
„Now we are getting into a metaphysical discussion,“ Ross said.
„Shut up,“ the man said pleasantly. „Please.“

Der Radiologe Peter Ross will einfach nur in Spanien ausspannen. Wären da nicht ein paar sinistre Gestalten, die ihn zu einer semi-legalen Obduktion zwingen möchten …. und das hübsche Girl vom Strand … und ein wertvolles Artefakt, auf das es mysteriöse Seilschaften abgesehen haben …

So weit, so (vermeintlich) wirr. John Lange – ein Pseudonym von Michael Crichton – spinnt in Zero Cool aber einen grundsoliden und fiesen Plot zusammen. Ross findet gar keine Zeit für den wohlverdienten Urlaub, sondern muss hakenschlagend sehen, dass er heil aus dem Schlamassel heraus kommt. Die Handlungsfäden sind dabei äußerst belastbar und laufen zum Schluß in einem netten Finale zusammen … denn besagter Peter Ross muss vom Mediziner zum Einzelkämpfer wider Willen mutieren – und das sind meistens die besten Helden. Dazu gibt es noch in bester Mystery-Manier Gegenspieler mit Namen wie „der Professor“ oder „der Graf“ (inlusive eigenartiger Hobbies, die nur ausgedachte Verbrecher so schön lebendig machen); auch ein Proto-Texaner spielt mal einen starken Part, bevor er einfach in Luft ausfgelöst wird.

Aus dem Ganzen entsteht eine fiebrige Mischung aus Mystery-Thriller und Parodie auf harte Krimis. Ross pendelt zwischen Widersachern und Widrigkeiten hin und her wie Spiderman in seinem persönlichen Geflecht aus Superheldentum und einfach nur Nerd-um-die-Ecke sein wollen. Beides geht nicht, muss aber für die Realität passend gemacht werden.

Noch mehr Lesevergnügen entsteht bei der Vorstellung, dass der Autor Lange tatsächlich Michael Crichton ist. Der Wille ist schon da, in Zero Cool die richtig großen Themen abzuhandeln (undurchschaubare, allmächtige Organisationen mit undurchschaubaren, allmächtigen Mitteln sowie eine Story-Line, in die mal eben mindestens 500 Jahre Zeitgeschichte eingeflochten werden). Aber Ross als average joe ist so gar nicht der weltberühmte Wissenschaftler oder mutige Dino-Jäger. Er will eben nur Urlaub machen … aber shit happens.

Titel: Zero Cool
Autor: John Lange
Verlag: Hard Case Crime
Jahr: 2008 (Erstveröffentlichung 1969)
Sprache: englisch
ISBN: 978-0-8439-5959-8

Fantastische Ameisen und Orangen

Oktober 4, 2008


I don’t have to write. I write because I love it. I’m grateful for every minute I get to do it. It’s like being a superhero, but you don’t need a costume.

Benjamin Rosenbaums Geschichten wirken wie frisch geschlüpfte Träume. An manchen Rändern noch unscharf und weich, weil die eigene Phantasie da für Konturen sorgen muss und will, aber immer leicht versetzt zur blanken Realität. Ich mag das sehr, was in dem schmalen Band The Ant King And Other Stories zu lesen ist.

Da ist mal eine Orange die Herrin der Welt oder eine Armee von Männchen versucht verzweifelt, die gestohlene Feige eines kleinen Mädchens zurück zu erobern. Weniger das Obst, sondern mehr die Nuancen, die kleinen und feinen Skizzierungen innerhalb der Geschichten machen richtig Spaß. Wenn Rosenbaum einen mies gelaunten Igel und einen verhandlungssicheren Djinn in die Handlung von A Siege Of Cranes bugsiert, geht das ebenso respektvoll für die Charaktere, wie verständnisvoll für den Leser. Schon erwähnt, das ich das sehr mag?

Prima Kritiken gibt es auch von Cory Doctorow auf boingboing über Jeffrey Ford bis hin zur New York Times Book Review. Es wäre eine feine Sache, wenn jetzt ganz viele Leute Benjamin Rosenbaum lesen. Denn neben Paolo Bacigalupi erforscht wohl niemand so schön wie er das Terrain von Ted Chiang, dem großen Meister der kurzen Geschichte.

Anläßlich der Veröffentlichung von The Ant King And Other Stories hat Rosenbaum übrigens einen charmaten Wettbewerb ausgerufen. Bis zum 03. März 2009 können „Derivate“ zu der Geschichtensammlung eingereicht werden; die besten drei davon werden ausgezeichnet. Weil Rosenbaum den Definitionsrahmen von „Derivat“ sehr weit knüpft, werden die Ergebnisse hoffentlich so spannend wie seine aufgeschriebenen Einfälle.

Titel: The Ant King And Other Stories
Autor: Benjamin Rosenbaum
Verlag: Small Beer Press
Jahr: 2008
Sprache: englisch
ISBN: 978-193152052-9

Grimspace

Oktober 4, 2008


The name’s misleading. Grimspace means inexorable, implacable. Not to be appeased. You see, grimspace will have its due from all who traverse it. But it’s beautiful there, or we wouldn’t be drawn back, time and again, driven on by a jones stranger than anything mankind could devise.

Nach einer Bruchlandung sind das Raumschiff und die Ladung wichtiger Passagiere hinüber, überlebt hat nur die Navigatorin Sirantha Jax. Ihre Arbeitgeber möchten sie gern zum Sündenbock machen und sperren sie erst einmal weg, fiese Psycho-Verhöre inklusive. Aber nicht für lange, denn Jax wird von einer ziemlich lethalen Ein-Mann-Armee in einer rasanten Aktion befreit. Sie entkommen auf einen Planeten, wo sie a) sofort von Einheimischen überfallen werden und b) auf eine fleischfressende Spezies treffen, gegen die die Monster aus Pitch Black bloße Hühnerdiebe sind …

Das ist ungefähr erst der Anfang von Grimspace. Im noch folgenden Programm ist alles enthalten, was eine unterhaltsame Space-Saga noch braucht: gesetzlose Raumstationen, Gestaltwandler, irre Wissenschaftler und gute Wissenschaftler und eine bunte Horde von Glücksrittern, die um die Hauptperson Jax kreist.

Autorin Ann Aguirre mischt das wilde Gebräu gut durch. Da tauchen keine Klischees oder SciFi-Archetypen an der Oberfläche auf und es gibt immer einen guten Dreh in der Story. Mit Wanderlust steht auch schon ein Nachfolger in den Regalen, zwei weitere Bände sind angekündigt. Sie selbst definiert ihre Serie übrigens als romantic science fiction.

Was wohl dabei herauskommt, wenn sie richtig taffe Geschichten strickt?

Titel: Grimspace
Autor: Ann Aguirre
Verlag: Ace Books
Jahr: 2008
Sprache: englisch
ISBN: 978-0-441-01599-3