Archiv für Mai 2008

Die Mirabilia des Ray Harryhausen

Mai 25, 2008

„Manche Leute sagen `Casablanca´ oder `Citizen Kane´, ich sage, `Jason und die Argonauten´ ist der beste Film, der je gedreht wurde.“

- Tom Hanks, bei der Oscar-Verleihung 1992 an Ray Harryhausen


Auch die Ungeheuer sind Kinder Gottes, schrieb Augustinus. Dem Trickfilm-Spezialisten Ray Harryhausen sprach der Philosoph damit wahrscheinlich aus der Seele. In seiner Karriere hat Harryhausen einem Schwarm Fabelwesen, Urtieren und Monstern Leben eingehaucht. Seine virtuosen Animationen schufen eine Ästhetik des Fantasy-Films: „Fantasy ist im Grunde eine Traumwelt, eine erdichtete Welt. Und ich glaube nicht, dass man sie ganz realistisch haben will. Man will eine Interpretation. Die Realität soll in Phantasie verwandelt werden. Für mich ergibt `Stop-Motion-Animation´ diesen Mehrwert einer Traumwelt, den man nicht kriegt, wenn man es zu realistisch macht.“ (Ray Harryhausen)
Ein wunderbarer Clip kompiliert alle Kreaturen Harryhausens – vom Rhedosaurus aus „Dinosaurier in New York“/“The Beast from 20.000 Fathoms“ (1953) bis zur mechanischen Eule in „Kampf der Titanen“/Clash of the Titans“ (1981).

Das Dickicht aus Städten

Mai 3, 2008

Früher wurden Städte von Fürsten gegründet. Heute erledigen das Autoren auf dem Reißbrett im Hirn. Eintritt frei nach Deepgate, Saraykeht und Adamantinarx.


Wayne Barlowe ist ein Design-Tausendsassa mit Spaß am Detail. In seiner persönlichen Hölle funkelt Adamantinarx-upon-the-Acheron am Seelenfluß in der Unterwelt:

This city, so unlike shadowed Dis with its flattened and oppressive vistas, was more alive in its spirit than most of Hell’s inhabitants.

Der Zeichner Barlowe verläßt sich in seinen Beschreibungen auf visuelle Wucht: sein gefallener Dämon Sargatanas verbaut seine Hoffnungen auf eine Rückkehr in die himmlischen Gefilde in den großartigen Gebäuden seiner Residenz.
Dank der verdammten Seelen ist auch Baumaterial in Hülle und Fülle vorhanden. Aber erst, als Sargantanas auf die Seelen als Werkstoff verzichtet, kommt Leben in die Sache. Mit God’s Demon hat sich Barlowe was Feines ausgedacht – abschließendes Inferno inklusive, bei dem kein Stein auf dem anderen bleibt.

Als Entwickler von einem der innovativsten Computerspiele (GTA) hat Alan Campbell ein besonderes Gespür für Räume. In Scar Night knarzt und rumpelt es gewaltig: die Stadt Deepgate hängt an zig Ketten über einem Abgrund, marode Wegstrecken oder ganze Viertel brechen einfach weg und so richtig frisches Öl gibt es nicht in der Maschinerie.

Die über dem Scythe gespannten Ketten sahen aus, als trieben sie auf einem stillen, schwarzen See. Die Schorsteine der am gegenüberliegenden Hang zusammengepferchten Fabrikem spuckten Asche in den stürmischen Wind. Dampfstrahlen zischten und jaulten zwischen Rauchschwaden und Stichflammen, während aus dem Inneren der Giftküchen ein dumpfes Dröhnen aufstieg. Doch Raum, der erkundet werden will, den gibt es in Scar Night zur Genüge. Da ist die umgebende Ödnis und noch mehr der Weg nach unten, hinein in den Abgrund, der in Deepgate zugleich gefürchtet und verehrt wird. Es geht einiges an Ketten den Bach hinunter und unschöne Dinge kommen ans Tageslicht …

Wie es weiter in Deepgate rasselt, kann übrigens ein paar Ecken weiter bei Blogspot auf Campbells Blog gelesen werden.

Saraykeht hingegen ist season-city. Wie der Sommer ist die Stadt – in einem Augenblick noch in voller Blüte und strotzend vor Wachstum und Verlangen. Doch mit dem Ende der Jahreszeit kommt der Niedergang. Den nach Kräften auch noch viele zu beschleunigen versuchen …

Daniel Abraham verschraubt in seinem Zyklus der Magischen Städte routiniert Jahreszeiten mit Handlung. Seine Stadt ist lebendig, blühend – und so leichtsinnig, wie es nur der Sommer bewirken kann.
Das ist alles luftig und leicht konstruiert, insbesondere das Konzept vom Stadtgeist, der als fleischgewordene Inkarnation einer heraufbeschworenen Idee für das Wohl von Saraykeht sorgt. Wie jede Idee möchte allerdings auch dieser Geist die ihm auferlegten Grenzen sprengen.
Weil das anderen, eigennützigen Motiven entgegen kommt, entspinnt sich rasch ein kräftiger Reigen aus Intrigen und Mißtrauen. Mit schönen Fallhöhen, Verwicklungen und Verwirrungen – so entwickelt sich in Sommer der Zwietracht aus schwüler Atmosphäre eine hitzige Geschichte.

Da draußen gibt es ein paar schöne Bücher mit fantastischer Architektur – holt sie euch.

Titel: Sommer der Zwietracht
Autor: Daniel Abraham
Verlag: Blanvalet
Sprache: deutsch
Erschienen: 2007
ISBN: 978-3-442-24446-1

Titel: Scar Night
Autor: Alan Campbell
Verlag:
Goldmann
Sprache: deutsch
Erschienen: 2007
ISBN: 9-783442-462704

Titel: God´s Demon
Autor: Wayne Barlowe
Verlag: TOR Books
Sprache: englisch
Erschienen: 2007
ISBN: 978-0-7653-0985-3